Kultur · Musikgeschichte

Michael Jackson in Santa Marta

Wie ein Musikvideo aus einer Favela einen weltbekannten Ort machte.

1996 drehte Michael Jackson gemeinsam mit Regisseur Spike Lee Teile des Musikvideos „They Don't Care About Us“ in der Community Santa Marta. Der Dreh machte die Community weltweit sichtbar – und wirkt bis heute nach.

Von Lucas BergerVeröffentlicht: 02. Juni 2026Letztes Update: 05. August 2026ca. 27 Min. Lesezeit
Blick über die Community Santa Marta in Rio de Janeiro mit ihren Häusern am Hang
Santa Marta liegt am Hang des Morro Dona Marta in Botafogo. Der Aussichtspunkt mit der Michael-Jackson-Statue befindet sich im oberen Bereich der Community.

Der Aufstieg beginnt an einer unscheinbaren Stelle in Botafogo. Eine Straße, ein Tor, eine Treppe – und dann geht es steil bergauf. Wer nicht die Standseilbahn nimmt, zählt Stufen: an Fassaden vorbei, an Wäscheleinen, an offenen Türen, aus denen Fernsehgeräusche und Kochgerüche dringen. Nach ein paar Minuten öffnet sich der Blick. Unten liegt die Bucht, dahinter der Zuckerhut.

Auf einer Betonplattform steht eine Bronzefigur. Ein Mann mit Hut, den rechten Arm erhoben, die Pose unverkennbar. Daneben ein farbiges Mosaik. Vor der Statue: eine kleine Gruppe von Besucherinnen und Besuchern, Handys hochgehalten, jemand imitiert die Haltung, jemand lacht. Ein Guide erklärt etwas auf Englisch. Zwei Kinder gehen mit Schulrucksäcken vorbei, ohne aufzusehen. Für sie ist das hier kein Denkmal, sondern der Weg nach Hause.

Die meisten, die hier Fotos machen, kennen den Song. Viele kennen das Video. Aber nur wenige wissen, was im Februar 1996 tatsächlich passierte: dass der Dreh politisch umkämpft war, dass Behörden ihn verhindern wollten, dass die Bilder in Rio und in Salvador entstanden – und dass die Statue, vor der sie stehen, erst vierzehn Jahre später aufgestellt wurde.

Bleibt die Frage, die am Anfang all dessen steht: Warum entschied sich ein Weltstar 1996 ausgerechnet für diesen Hügel in Botafogo?

Der Song

Das Musikvideo „They Don't Care About Us“

„They Don't Care About Us“ erschien 1995 auf dem Doppelalbum „HIStory: Past, Present and Future, Book I“ und 1996 als Single. Der Song ist keine Ballade und kein Popstück im klassischen Sinn, sondern eine Protestnummer: harte, marschartige Percussion, ein Chor, der wie eine Menschenmenge klingt, und ein Text über Machtmissbrauch, Polizeigewalt, Rassismus und das Gefühl, von Institutionen im Stich gelassen zu werden.

Das Album selbst war ein Statement. Michael Jackson hatte hinter sich, was in den frühen 1990er-Jahren öffentlich über ihn verhandelt worden war, und reagierte darauf mit einem Werk, das Anklage, Verteidigung und Rückschau mischte. „They Don't Care About Us“ war der Titel, der am deutlichsten nach außen zeigte – auf Institutionen, auf Strukturen, auf Systeme.

Kontrovers war der Song schon vor dem Video. Zwei Textzeilen wurden 1995 als antisemitisch kritisiert. Michael Jackson wies diese Lesart zurück, erklärte, er habe die Sprache von Diskriminierung zitieren und nicht reproduzieren wollen, entschuldigte sich für die Wirkung und ließ die Passagen in späteren Pressungen verändern. Diese Debatte gehört zur Geschichte des Songs – auch wenn sie in Brasilien kaum eine Rolle spielte.

Für die visuelle Umsetzung fiel die Wahl auf Spike Lee. Dessen Filme hatten Rassismus, Polizeigewalt und urbane Ungleichheit schon zuvor zum Thema gemacht. Was entstand, waren zwei sehr unterschiedliche Videofassungen: eine, die in einer Gefängniskulisse spielt und mit dokumentarischem Nachrichtenmaterial arbeitet – und eine, die in Brasilien gedreht wurde, mit Menschen, Sonne, Trommeln und Bewegung.

Ortswahl

Warum Santa Marta?

Santa Marta liegt am Hang des Morro Dona Marta in Botafogo – mitten in der Zona Sul, wenige Minuten von der Metro entfernt, in Sichtweite von Zuckerhut und Guanabara-Bucht. Für eine internationale Produktion mit begrenztem Zeitfenster ist diese Nähe ein handfester Vorteil: kurze Wege, erreichbare Technik, planbare Logistik.

Der zweite Grund ist die Topografie. Santa Marta ist vergleichsweise schmal und sehr steil. Eine zentrale Treppenachse zieht sich durch die Community, links und rechts stapeln sich Häuser. Für eine Kamera ergibt das etwas, das man in flachen Stadtvierteln kaum bekommt: Bildebenen. Menschen stehen gleichzeitig über, neben und unter dem Hauptmotiv. Jedes Fenster, jedes Dach, jede Treppenstufe wird zu einer möglichen Bühne.

Der dritte Grund ist die soziale Struktur. Santa Marta gehörte schon damals zu den Communities mit einer aktiven Bewohnervertretung und funktionierenden internen Organisationsformen. Ein Dreh mit hunderten Beteiligten ist ohne lokale Absprachen nicht möglich – jemand muss Zugänge klären, informieren, koordinieren.

Und schließlich die inhaltliche Ebene: Ein Song über Menschen, um die sich niemand kümmert, sollte nicht im Studio entstehen. Die Entscheidung, in einer Favela und im historisch schwarzen Zentrum Salvadors zu drehen, war eine Aussage – über die Perspektive, aus der das Lied erzählt.

Februar 1996

Die Dreharbeiten

Der Dreh in Brasilien fand im Februar 1996 statt und war für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation. Ein internationales Filmteam, Sicherheitspersonal, Technik, Presse aus aller Welt – und eine Community, in der Menschen wohnen, arbeiten und zur Schule gehen. In Santa Marta dauerten die Aufnahmen nach übereinstimmenden Berichten nur wenige Stunden bis maximal zwei Drehtage.

Organisatorisch bedeutete das: Wege mussten freigehalten, Kabel verlegt, Stromversorgung geklärt und Zugänge koordiniert werden – in einem Gelände, in dem es keine Straßen für Technikfahrzeuge gibt, sondern Treppen. Alles, was oben gebraucht wurde, musste hinaufgetragen werden. Wer schon einmal in Santa Marta war, weiß, was das körperlich bedeutet.

Beteiligt waren zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner: als Statistinnen und Statisten, als Tanzende, als Menschen in Fenstern und auf Dächern, als Zuschauende, die im Bild blieben. Berichte der Zeit beschreiben eine Atmosphäre zwischen Volksfest und Ausnahmezustand: dichte Menschentrauben, Kinder auf Mauern, Fernsehteams, die versuchten, an das Set heranzukommen.

Musikalisch prägend war Percussion. Die großen Trommelformationen im fertigen Video stammen jedoch aus Salvador – siehe das Kapitel zu Olodum. In Rio dominieren Menschen im Raum: die Treppe hinauf, die Treppe hinunter, in Bewegung mit dem Rhythmus.

Zur Arbeitsweise: Spike Lee inszenierte weniger eine choreografierte Bühnenshow als eine Situation. Michael Jackson bewegt sich durch reale Räume, die Kamera folgt ihm, Menschen sind nicht Kulisse, sondern Umgebung. Genau das macht die brasilianische Fassung bis heute anders als die meisten Popvideos der 1990er.

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Bildplatzhalter: Dreharbeiten in Santa Marta, Februar 1996

Nur lizenziertes Archivmaterial (Agentur- oder Verlagsfotos). Keine KI-generierten Bilder, die Originalaufnahmen der Dreharbeiten vortäuschen.

Politik

Politische Kontroversen

Bevor eine einzige Einstellung gedreht war, war der Dreh in Brasilien ein politisches Thema. Die Auseinandersetzung drehte sich um eine einzige Frage: Was passiert mit dem Bild des Landes, wenn der berühmteste Popstar der Welt in einer Favela filmt?

Vertreter aus Politik und Tourismusverwaltung befürchteten Schaden. Brasilien warb in dieser Zeit international um Investitionen, Besucherinnen und Besucher sowie um Prestigeprojekte – Rio de Janeiro verfolgte olympische Ambitionen. Bilder von Armut, so das Argument, würden dieses Werben unterlaufen. Es gab Versuche, den Dreh zu untersagen oder mit Auflagen zu belegen; die Angelegenheit landete vor Gericht, das die Aufnahmen zuließ.

Gegen diese Position stand ein Argument, das damals vor allem von Kulturschaffenden und Teilen der Presse formuliert wurde: Nicht die Bilder erzeugen das Problem, sondern die Verhältnisse. Wer Aufnahmen verbietet, verändert keine Wohnsituation – er verändert nur, was sichtbar ist.

Ein zweiter Strang der Debatte betraf den Zugang zur Community. Brasilianische Medien berichteten seinerzeit über Absprachen mit lokalen Akteuren, die den Zugang faktisch kontrollierten. Diese Berichte sind Teil der öffentlichen Auseinandersetzung geworden; belastbare Dokumente liegen öffentlich nicht vor. Wir geben sie deshalb als das wieder, was sie sind: zeitgenössische Berichterstattung, keine gesicherte Tatsache.

Rückblickend fällt die Bewertung anders aus als 1996. Das befürchtete Imagedesaster blieb aus. Stattdessen wurde das Video über Jahrzehnte zu einem der meistgesehenen Musikvideos überhaupt – und Santa Marta zu einem Ort, den Menschen aus aller Welt gezielt aufsuchen. Die Debatte über die Frage, wer Bilder aus Favelas machen darf und wem sie nützen, ist damit allerdings nicht beendet. Sie stellt sich heute neu – bei jedem Reisenden mit Smartphone.

Verboten werden sollte nicht die Armut, sondern ihr Bild. Genau darin lag der Widerspruch der Debatte von 1996."

Regie

Spike Lee

Spike Lee war 1996 kein Musikvideo-Regisseur, der zufällig einen großen Auftrag bekam. Er war ein etablierter Filmemacher, dessen Werk sich seit den 1980er-Jahren mit Rassismus, Klassenverhältnissen und städtischer Realität in den USA beschäftigte. „Do the Right Thing“ (1989) verhandelte Eskalation und Polizeigewalt in einem Häuserblock in Brooklyn, „Malcolm X“ (1992) die Biografie einer der wichtigsten Figuren der schwarzen Bürgerrechtsgeschichte.

Diese Themen machten ihn zur naheliegenden Wahl für einen Song, der genau davon handelt. Lees Bildsprache – Menschen in dichten urbanen Räumen, direkte Blicke in die Kamera, Bewegung als Ausdrucksmittel – passte zum Vorhaben, das Lied nicht zu illustrieren, sondern zu verorten.

Die Zusammenarbeit mit dem Werk Michael Jacksons endete nicht 1996. Lee inszenierte später das posthum veröffentlichte Video zu „This Is It“ (2009) und drehte zwei Dokumentarfilme über Jacksons Musik: „Bad 25“ (2012) und „Michael Jackson's Journey from Motown to Off the Wall“ (2016). Beide Filme zeigen ein Interesse, das über Popkultur hinausgeht: Lee betrachtet Jacksons Arbeit als Teil schwarzer Kulturgeschichte.

Für Brasilien bedeutete das eine bestimmte Perspektive. Lee inszenierte Santa Marta und den Pelourinho nicht als Elendskulisse, sondern als Orte mit Menschen, Rhythmus und Selbstbewusstsein. Die Bewohnerinnen und Bewohner erscheinen nicht als Opfer im Hintergrund, sondern als Träger der Bewegung im Bild.

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Bildplatzhalter: Spike Lee

Vorgesehen für ein lizenziertes Porträtfoto (Agentur oder Presseverteiler).

Analyse

Santa Marta im Musikvideo

Wer das Video mit dem heutigen Ort vergleicht, erkennt fast jede Einstellung wieder. Die brasilianische Fassung arbeitet mit wenigen, klar unterschiedenen Bildmitteln – und genau daraus bezieht sie ihre Wucht.

Die Treppe als Bühne. Santa Martas zentrale Treppenachse strukturiert das Bild wie ein Amphitheater. Die Kamera blickt entweder hinauf, wodurch die Menge über dem Hauptmotiv erscheint, oder hinab, wodurch sich Tiefe und Fluchtlinien ergeben. Bewegung im Bild ist damit immer vertikal – ein Gegensatz zur horizontalen Bewegung klassischer Straßenszenen.

Fenster und Dächer. In der Bebauung von Santa Marta liegt jede Wohnung auf einer eigenen Höhe. Im Video sind Menschen deshalb überall: in Fensterrahmen, auf Vorsprüngen, auf Lajes. Das erzeugt den Eindruck, dass die Community nicht zusieht, sondern teilnimmt.

Farben. Statt der grellen Sättigung vieler 1990er-Videos dominieren erdige Töne: Putz, Ziegel, Beton, dazu einzelne kräftige Farbflächen von Hauswänden und Kleidung. Die Bildsprache wirkt eher dokumentarisch als werblich.

Rhythmus und Schnitt. Der Schnitt folgt der Percussion. Weil der Song rhythmisch marschartig ist, entsteht der Eindruck einer Bewegung, die nicht aufzuhalten ist – ein Demonstrationszug, kein Tanzclip.

Blickachsen. Auffällig oft schauen Menschen direkt in die Kamera. In der Bildsprache bedeutet das: Sie sind nicht Objekt der Beobachtung, sondern Gegenüber. Diese Entscheidung unterscheidet das Video von vielen späteren Favela-Bildern in Werbung und Film.

Symbolik. Der Aufstieg vom unteren zum oberen Teil der Community – vom Engen ins Weite, von der Gasse zum Panorama – ist die visuelle Grundfigur der Rio-Szenen. Sie funktioniert als Bild für das, wovon der Song handelt: Sichtbarwerden.

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Bildvergleich: Videostill 1996 und heutige Aufnahme desselben Standorts

Videostills nur mit Rechteklärung (Sony Music / Rechteinhaber). Gegenüberstellung mit eigener aktueller Fotografie.

Salvador

Die Rolle von Olodum

Der zweite Drehort liegt 1.600 Kilometer nördlich: der Pelourinho, das historische Zentrum von Salvador da Bahia. Dort, im UNESCO-Welterbe aus Kolonialbauten und Kopfsteinpflaster, entstanden die Szenen mit Olodum.

Olodum wurde 1979 gegründet und ist weit mehr als eine Percussion-Gruppe. Die Organisation verbindet Musik mit Bildungsarbeit, Jugendprojekten und einem klaren antirassistischen Selbstverständnis. Ihr Sound – Samba-Reggae – verbindet brasilianische Percussion-Traditionen mit karibischen Einflüssen und ist untrennbar mit der afrobrasilianischen Kultur Bahias verbunden.

International bekannt war Olodum bereits vor 1996: durch die Zusammenarbeit mit Paul Simon auf dessen Album „The Rhythm of the Saints“ (1990). Für „They Don't Care About Us“ lieferte die Gruppe das, was das Video akustisch und visuell trägt: hunderte Trommeln in Bewegung, in geschlossener Formation, mit einer Präzision, die aus jahrzehntelanger Probenarbeit stammt.

Diese Unterscheidung ist keine Detailfrage. Sie betrifft die Zuschreibung von kultureller Leistung: Die Trommelkultur des Videos ist bahianisch. Wer sie Rio zuschreibt, überschreibt die Herkunft einer eigenen, gewachsenen afrobrasilianischen Tradition. Wie eng Musik und Stadtgeschichte in Rio zusammenhängen, zeigt unser Artikel „Wie Samba in den Morros geboren wurde“.

Perspektiven

Reaktionen der Bewohner

Die häufigste Vereinfachung über den Dreh lautet, „die Community“ habe reagiert – so, als gäbe es eine einzige Meinung. Santa Marta hat mehrere tausend Bewohnerinnen und Bewohner. Entsprechend unterschiedlich fielen und fallen die Bewertungen aus.

In Erzählungen, wie sie Guides und Bewohner bei Rundgängen wiedergeben, dominiert die Erinnerung an ein Ereignis, das den Alltag außer Kraft setzte: der Tag, an dem Hubschrauber kreisten, an dem Fremde mit Kameras kamen, an dem in einer Community, über die sonst nur in Polizeimeldungen berichtet wurde, plötzlich die Weltpresse stand. Diese Erinnerung ist überwiegend positiv besetzt – als Moment kollektiver Sichtbarkeit.

Daneben existiert eine kritische Lesart, die ebenso alt ist: dass ein internationales Team Bilder mitnahm, dass die Aufmerksamkeit wieder verschwand und dass sich an Kanalisation, Wohnraum und Einkommen nichts änderte. Diese Kritik richtet sich selten gegen Michael Jackson persönlich – sondern gegen ein Muster, das Communities weltweit kennen: Aufmerksamkeit als Ereignis, nicht als Veränderung.

Eine dritte Perspektive kommt von jüngeren Bewohnerinnen und Bewohnern, die 1996 nicht geboren waren. Für sie ist der Aussichtspunkt Teil des Alltags und eine wirtschaftliche Realität: Er bringt Menschen den Hang hinauf, die etwas kaufen, buchen und bezahlen. Ob das gut oder anstrengend ist, hängt davon ab, wie sich Besucherinnen und Besucher verhalten.

Wirkung

Wie das Video Santa Marta veränderte

Es wäre falsch zu sagen, das Video habe Santa Marta verändert. Richtiger ist: Es hat verändert, wie über Santa Marta gesprochen wird – und das hatte Folgen.

Bekanntheit. Vor 1996 war Santa Marta außerhalb Rios praktisch unbekannt. Danach war es die Favela, die Menschen in Tokio, Berlin oder Chicago benennen konnten. Diese Bekanntheit war kein Selbstzweck: Sie schuf einen Anknüpfungspunkt, an dem sich später Projekte, Berichterstattung und Tourismus orientierten.

Medien. Die Berichterstattung über Santa Marta verschob sich – weg von reinen Kriminalitätsmeldungen, hin zu Kultur-, Reise- und Sozialthemen. Das ist ein bemerkenswerter Effekt, weil er zeigt, wie stark ein einzelnes populärkulturelles Bild die Erzählung über einen Ort verschieben kann.

Tourismus. Community-Tourismus entstand in Santa Marta nicht 1996, sondern in den Jahren danach – und beschleunigt nach 2008, als die Standseilbahn den Aufstieg erleichterte und sich die öffentliche Wahrnehmung erneut veränderte. Der Aussichtspunkt wurde zum Ziel, das Video zum Anlass.

Lokale Wirtschaft. Rund um den Aufstieg entstanden Angebote: Führungen, kleine Verkaufsstände, Getränke, Kunsthandwerk, Fotografie. Diese Einkommensmöglichkeiten sind real, aber ungleich verteilt und abhängig von Reisezyklen. Sie ersetzen keine strukturelle Verbesserung.

Stolz. Viele Bewohnerinnen und Bewohner beschreiben die internationale Sichtbarkeit als Gegengewicht zu einer Stigmatisierung, die sie ihr Leben lang begleitet. Ein Ort, den Menschen freiwillig besuchen, ist ein anderer Ort als einer, über den nur gewarnt wird.

Kritik. Gleichzeitig gilt: Wo Besucher kommen, entstehen Fragen nach Privatsphäre, Fotografie, Preisen und Verteilung. Wer den Ort besucht, sollte wissen, dass er eine Wohnstraße betritt. Mehr dazu in unserem ausführlichen Community-Porträt Santa Marta besuchen.

Erinnerungskultur

Die Michael-Jackson-Statue

Der Ort, an dem heute die Statue steht, war schon vorher bedeutsam: eine Laje im oberen Teil der Community mit weitem Blick über Botafogo und die Bucht. Nach dem Dreh kamen einzelne Fans hierher; nach Michael Jacksons Tod im Juni 2009 wurden es deutlich mehr.

Das feste Denkmal entstand nach übereinstimmenden Berichten 2010: eine Bronzestatue in der bekannten Pose, ergänzt durch ein farbiges Mosaikpaneel an der angrenzenden Wand. Die Statue ist damit ausdrücklich kein Relikt des Drehs, sondern ein späteres Werk der Erinnerungskultur – errichtet in einer Phase, in der Santa Marta als erste UPP-Community bundesweit im Fokus stand und Community-Tourismus sich zu etablieren begann.

Der Aussichtspunkt funktioniert heute auf mehreren Ebenen gleichzeitig: als Wallfahrtsort für Fans, als Fotopunkt, als wirtschaftliche Grundlage für Guides und kleine Betriebe – und als ganz normaler Durchgang für Menschen, die hier wohnen. Diese Gleichzeitigkeit macht ihn interessant und anspruchsvoll zugleich.

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Bildplatzhalter: Bronzestatue und Mosaik am Aussichtspunkt

Eigene Fotografie vorgesehen. Personen nur mit Einverständnis abbilden.

Praktisch

Kann man den Drehort heute besuchen?

Ja. Santa Marta gehört zu den Communities Rios, die am besten erschlossen und für Besuche am klarsten organisiert sind. Der Aussichtspunkt mit Statue ist öffentlich zugänglich und kostet keinen Eintritt.

Lage

Am Hang des Morro Dona Marta im Stadtteil Botafogo, Zona Sul. Der Zugang liegt an der Rua São Clemente; nächstgelegene Metro-Station ist Botafogo.

Anreise

Zu Fuß von Botafogo, per Metro/Bus oder Taxi bis zum Fuß des Hangs. Von dort führt die Standseilbahn (Plano Inclinado) in mehreren Stationen nach oben. Betriebszeiten variieren – vorher prüfen.

Aussichtspunkt

Die Laje mit Statue und Mosaik liegt im oberen Bereich. Von dort Blick über Botafogo, die Bucht und – bei klarer Sicht – bis zum Zuckerhut.

Zeit einplanen

Für Bahn, Aussichtspunkt und einen kurzen Rundgang ein bis zwei Stunden. Geführte Touren dauern meist zwei bis drei Stunden.

Lokale Guides

Wir empfehlen ausdrücklich eine Begleitung aus der Community: mehr Kontext, mehr Sicherheit im Umgang, und das Geld bleibt vor Ort.

Fotografie

Panorama, Statue und Architektur in der Regel unproblematisch. Menschen, Wohnungen und Innenräume nur mit ausdrücklicher Zustimmung.

Verhalten

Leise grüßen, Wege freihalten, nicht in offene Türen filmen, lokal konsumieren, keine Drohnen ohne Absprache, keine Live-Standortmarkierungen.

Kondition

Auch mit Standseilbahn bleiben Treppen. Feste Schuhe, Wasser, Sonnenschutz – und bei Regen besondere Vorsicht auf glatten Stufen.

Orientierung

Karte: Michael Jackson in Rio und Bahia

Die brasilianischen Aufnahmen verteilen sich auf zwei Städte. Diese Übersicht zeigt die Stationen – und eine sinnvolle Route für einen Besuch in Santa Marta.

OrtStadtRolle
Santa MartaRio de Janeiro, Botafogo
Hauptdrehort in Rio

Treppen, Gassen, Hausdächer und der obere Aussichtsbereich mit Blick über Botafogo und die Guanabara-Bucht.

Laje do Michael JacksonSanta Marta, oberer Hangbereich
Heutiger Gedenkort

Aussichtspunkt mit Bronzestatue (2010) und Mosaikpaneel; zentraler Anlaufpunkt für Besucherinnen und Besucher.

PelourinhoSalvador da Bahia
Zweiter Drehort

Historisches Zentrum mit Kolonialarchitektur; hier entstanden die Szenen mit Olodum und den großen Trommelformationen.

Largo do PelourinhoSalvador da Bahia
Percussion-Szenen

Platz mit Kopfsteinpflaster und Blick auf die Kirche Nossa Senhora do Rosário dos Pretos – markanter Bildhintergrund im Video.

Empfohlene Route durch Santa Marta
  1. 1. Einstieg an der Rua São Clemente, Treffpunkt mit lokalem Guide.
  2. 2. Auffahrt mit dem Plano Inclinado; Zwischenstopp auf halber Höhe für den ersten Blick über Botafogo.
  3. 3. Praça Cantão – bunt gestaltete Häuserfassaden, ein bekanntes Gemeinschaftskunstprojekt.
  4. 4. Aufstieg zur Laje do Michael Jackson: Statue, Mosaik, Panorama.
  5. 5. Rückweg über die Treppen, mit Halt bei lokalen Betrieben und Kunsthandwerk.

Eine interaktive Karte mit allen Communities Rios findest du auf unserer Favela-Übersicht.

Bonus

5 Dinge, die du über den Dreh wahrscheinlich noch nicht wusstest

  1. Es gibt zwei offizielle Videofassungen des Songs – die brasilianische von Spike Lee und eine zweite, in einer Gefängniskulisse gedrehte Version mit dokumentarischem Nachrichtenmaterial.
  2. Die Dreharbeiten fanden gegen politischen Widerstand statt: Behördenvertreter versuchten sie zu stoppen, Gerichte ließen sie zu.
  3. Kein einziger Trommelschlag von Olodum wurde in Rio gefilmt – die Percussion-Szenen entstanden vollständig in Salvador da Bahia.
  4. Die Bronzestatue am Aussichtspunkt entstand erst 2010, also 14 Jahre nach dem Dreh und ein Jahr nach Michael Jacksons Tod.
  5. Santa Marta wurde 2008 Standort der ersten UPP Rios – die internationale Bekanntheit aus dem Video spielte in der öffentlichen Diskussion darüber eine Rolle.
Faktencheck

Mythen und Realität

Mythos

„Michael Jackson lebte in Santa Marta.“

Realität

Er hielt sich ausschließlich für die Dreharbeiten dort auf – wenige Stunden bis maximal zwei Drehtage im Februar 1996. Übernachtet hat er in einem Hotel in Rio.

Mythos

„Die Statue stammt aus dem Jahr 1996.“

Realität

Die Bronzestatue wurde nach übereinstimmenden Berichten erst 2010 errichtet – über ein Jahrzehnt nach dem Dreh und nach Michael Jacksons Tod 2009.

Mythos

„Nur Santa Marta ist im Video zu sehen.“

Realität

Die brasilianische Fassung entstand in Santa Marta (Rio) und im Pelourinho (Salvador da Bahia). Zusätzlich existiert eine komplett andere Gefängnisversion.

Mythos

„Olodum spielte in der Favela.“

Realität

Olodums Szenen wurden in Salvador gedreht. In Santa Marta waren Bewohnerinnen und Bewohner beteiligt, nicht die Gruppe aus Bahia.

Mythos

„Michael Jackson machte Santa Marta berühmt.“

Realität

Die Community existiert seit den 1930er-Jahren und hatte lange vorher eine eigene Geschichte, Organisation und Kultur. Das Video machte sie international sichtbar – es hat sie nicht erschaffen.

Mythos

„Alle Bewohner waren begeistert.“

Realität

Die Reaktionen waren und sind gemischt: Stolz und Freude auf der einen Seite, Kritik an Vereinnahmung und an ausbleibenden Verbesserungen auf der anderen.

Mythos

„Das Video löste die Probleme der Community.“

Realität

Infrastruktur, Wohnsituation und Einkommen änderten sich durch den Dreh nicht. Spätere Verbesserungen – etwa die Standseilbahn – gehen auf städtische Programme und jahrelange lokale Organisation zurück.

Mythos

„Die Regierung hat den Dreh unterstützt.“

Realität

Im Gegenteil: Teile der Politik und der Tourismusverwaltung versuchten, ihn zu verhindern. Erst gerichtliche Entscheidungen ermöglichten die Aufnahmen.

Mythos

„Spike Lee drehte nur dieses eine Video mit Michael Jackson.“

Realität

Spike Lee arbeitete später erneut mit dem Werk Michael Jacksons: unter anderem beim Video zu „This Is It“ (2009 posthum veröffentlicht) und mit den Dokumentarfilmen „Bad 25“ (2012) und „Michael Jackson's Journey from Motown to Off the Wall“ (2016).

Mythos

„Der Aussichtspunkt heißt offiziell Michael-Jackson-Platz.“

Realität

Gebräuchlich sind „Laje do Michael Jackson“ und „Espaço Michael Jackson“. Es handelt sich um eine gewachsene, lokal geprägte Bezeichnung eines Aussichtspunkts, nicht um einen amtlich benannten Platz.

Mythos

„Man braucht eine Genehmigung, um Santa Marta zu betreten.“

Realität

Santa Marta ist ein Wohnviertel, kein abgesperrtes Gelände. Eine Genehmigung braucht es nicht – wohl aber Respekt, idealerweise lokale Begleitung und Zurückhaltung beim Fotografieren.

Mythos

„Die Szene mit dem Balkon zeigt Michael Jacksons Wohnung.“

Realität

Es handelt sich um Wohnhäuser von Bewohnerinnen und Bewohnern, die für den Dreh zur Verfügung gestellt wurden. Für die Familien vor Ort ist das bis heute Teil ihrer Alltagsgeschichte – kein Filmset.

Chronologie

Zeitleiste

  1. 1930er

    Erste dauerhafte Besiedlung des Morro Dona Marta in Botafogo. Aus provisorischen Häusern wächst über Jahrzehnte eine Community mit eigener Struktur.

  2. 1979

    In Salvador da Bahia gründet sich Olodum – eine afrobrasilianische Kultur- und Percussion-Gruppe, die Musik mit Bildungs- und Antirassismusarbeit verbindet.

  3. 1990

    Olodum wird international bekannt: Die Zusammenarbeit mit Paul Simon auf „The Rhythm of the Saints“ macht die Trommeln aus dem Pelourinho weltweit hörbar.

  4. Juni 1995

    Michael Jacksons Doppelalbum „HIStory: Past, Present and Future, Book I“ erscheint. Enthalten ist „They Don't Care About Us“.

  5. Januar 1996

    In Brasilien wird bekannt, dass Michael Jackson und Spike Lee in Rio de Janeiro und Salvador drehen wollen. Politik, Tourismusverwaltung und Medien diskutieren kontrovers über das Image des Landes.

  6. Februar 1996

    Nach juristischem Tauziehen finden die Dreharbeiten statt: in Santa Marta in Rio de Janeiro und im Pelourinho in Salvador, dort gemeinsam mit Olodum.

  7. 1996

    „They Don't Care About Us“ erscheint als Single. Spike Lees brasilianische Videofassung wird weltweit ausgestrahlt; parallel erscheint die Gefängnisversion.

  8. 2008

    In Santa Marta wird die erste UPP (Unidade de Polícia Pacificadora) Rios eingerichtet – ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Community.

  9. ab 2008

    Die Standseilbahn (Plano Inclinado) verbindet den Hang in mehreren Stationen mit dem Stadtteil Botafogo und verändert den Alltag im Aufstieg grundlegend.

  10. Juni 2009

    Michael Jackson stirbt. In Santa Marta versammeln sich Menschen am Drehort – der Ort wird zum informellen Gedenkpunkt.

  11. 2010

    Am Aussichtspunkt entsteht das feste Denkmal: eine Bronzestatue Michael Jacksons, ergänzt durch ein farbiges Mosaikpaneel.

  12. 2010er

    Community-Tourismus etabliert sich. Lokale Guides, kleine Gastronomie, Kunst- und Kulturprojekte entstehen rund um den bekanntesten Aussichtspunkt der Community.

  13. heute

    Der Aussichtspunkt gehört zu den meistfotografierten Orten einer Favela weltweit – und bleibt zugleich Teil eines Wohnviertels mit eigenem Alltag.

Damals und heute

Bildvergleich: 1996 und heute

Vieles am Ort ist wiedererkennbar geblieben: die Treppenachse, der Blick über die Bucht, die Enge der Gassen. Verändert haben sich Details, die im Alltag den Unterschied machen – Stromleitungen, Wasserversorgung, Wegebefestigungen, die Standseilbahn und die farbige Gestaltung mancher Fassaden.

1996
Videostill vom Drehort

Nur mit Rechteklärung beim Rechteinhaber. Kein KI-Bild, das ein Originalfoto vortäuscht.

heute
Eigene Aufnahme desselben Standorts

Fotografiert mit Blickrichtung wie im Video, ohne Personen im Vordergrund.

Medienplatz
Fotogalerie: Santa Marta, Aussichtspunkt, Panorama, Alltag

Eigene Fotografien. Menschen nur mit Einverständnis; keine Aufnahmen in private Wohnräume.

Recherche

Stimmen aus Santa Marta

Dieser Abschnitt bleibt bewusst offen. Wir veröffentlichen hier ausschließlich Aussagen, die wir selbst erhoben oder belegbar übernommen haben. Geplant sind Gespräche mit:

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Drehs

Gesucht: Menschen, die 1996 vor Ort waren, mitgewirkt oder zugesehen haben.

Lokale Guides

Wie erzählen sie die Geschichte heute – und was fragen Besucherinnen und Besucher am häufigsten?

Musikerinnen und Musiker aus Santa Marta

Welche Rolle spielt Musik in der Community jenseits des Musikvideos?

Bewohnervertretung

Wie bewertet die Community-Organisation den Umgang mit Tourismus am Aussichtspunkt?

Historikerinnen und Historiker

Einordnung von Medienberichterstattung und Stadtpolitik der 1990er-Jahre.

Du warst 1996 dabei oder kennst jemanden, der dabei war? Schreib uns an info@insidefavela.com. Wir dokumentieren Erinnerungen mit Zustimmung der Beteiligten – und ohne sie zu dramatisieren.

Nachschlagen

Glossar

Santa Marta
Community in Botafogo, Zona Sul von Rio de Janeiro, am Hang des Morro Dona Marta gelegen.
Dona Marta
Name des Hügels; umgangssprachlich – und in Medienberichten von 1996 – oft synonym für die Community verwendet.
Laje
Flachdach oder Betonplattform auf einem Haus. In Rios Communities sozialer Treffpunkt, Wäscheplatz, Bühne und Aussichtsterrasse zugleich.
Laje do Michael Jackson
Gebräuchlicher Name des Aussichtspunkts in Santa Marta, an dem Statue und Mosaik stehen.
Pelourinho
Historisches Zentrum von Salvador da Bahia, UNESCO-Welterbe und Drehort der Olodum-Szenen.
Olodum
1979 gegründete afrobrasilianische Percussion- und Kulturgruppe aus Salvador.
Samba-Reggae
In Bahia entstandener Stil, der Samba-Percussion mit Reggae-Rhythmik verbindet; prägend für Olodums Sound.
HIStory
Doppelalbum Michael Jacksons von 1995, auf dem „They Don't Care About Us“ erschien.
Plano Inclinado
Standseilbahn, die den Hang von Santa Marta erschließt und mehrere Stationen bedient.
UPP
„Unidade de Polícia Pacificadora“ – Polizeiprogramm ab 2008; die erste Einheit entstand in Santa Marta.
Zona Sul
Südzone Rios mit Botafogo, Copacabana und Ipanema.
Morro
Hügel; in Rio zugleich verbreitete Bezeichnung für die Communities an den Hängen der Stadt.
Community
Von vielen Bewohnerinnen und Bewohnern bevorzugte Selbstbezeichnung („comunidade“) gegenüber abwertend gebrauchten Fremdbezeichnungen.
Community-Tourismus
Tourismusform, bei der Planung, Führung und Einnahmen möglichst weitgehend bei den Menschen vor Ort liegen.
FAQ

Häufig gestellte Fragen

Wo wurde „They Don't Care About Us“ gedreht?

Die brasilianische Fassung des Musikvideos entstand an zwei Orten: in der Community Santa Marta (auch Dona Marta genannt) im Stadtteil Botafogo in Rio de Janeiro und im historischen Zentrum Pelourinho in Salvador da Bahia. Zusätzlich existiert eine zweite, in einem Gefängnis inszenierte Videoversion, die nichts mit Brasilien zu tun hat.

Wann fanden die Dreharbeiten statt?

Die Aufnahmen in Brasilien entstanden im Februar 1996. Michael Jackson hielt sich dabei nur wenige Tage im Land auf; der Dreh in Santa Marta selbst umfasste nach übereinstimmenden Medienberichten der Zeit lediglich Stunden bis maximal zwei Drehtage.

Wer führte Regie?

Regie führte der US-amerikanische Filmemacher Spike Lee, bekannt für Filme wie „Do the Right Thing“ und „Malcolm X“. Er verantwortete beide Fassungen des Videos – die brasilianische und die Gefängnisversion.

Warum wählte das Team Santa Marta aus?

Santa Marta liegt in der Zona Sul, ist über eine steile Hangtreppe klar strukturiert und bietet einen weiten Blick über Botafogo und die Guanabara-Bucht. Die kompakte Bebauung, die Treppen als natürliche Bühne und die kurze Anbindung an das Stadtzentrum machten die Community produktionstechnisch und visuell attraktiv. Hinzu kam die inhaltliche Ebene: Ein Lied über soziale Ungerechtigkeit sollte dort entstehen, wo Ungleichheit in Rio sichtbar ist.

Hat Michael Jackson Santa Marta berühmt gemacht?

Nein – jedenfalls nicht allein. Santa Marta existiert seit den 1930er-Jahren, hatte eine eigene Bewohnerorganisation, Geschichte und Kultur, lange bevor ein Kamerateam kam. Das Video verschaffte der Community jedoch eine weltweite Sichtbarkeit, die keine andere Favela Rios in dieser Form hatte.

Hat Michael Jackson in Santa Marta gewohnt?

Nein. Er war ausschließlich für die Dreharbeiten dort. Übernachtet hat er in einem Hotel in Rio de Janeiro. Erzählungen, er habe „in der Favela gelebt“, gehören zu den verbreitetsten Legenden rund um den Dreh.

Gibt es zwei Versionen des Musikvideos?

Ja. Spike Lee drehte eine Fassung in Brasilien und eine zweite, die in einer Gefängniskulisse spielt und dokumentarisches Nachrichtenmaterial über Gewalt und Menschenrechtsverletzungen einbindet. Beide erschienen 1996 und werden bis heute parallel veröffentlicht.

Welche Szenen entstanden in Salvador da Bahia?

Die Aufnahmen mit der Percussion-Gruppe Olodum entstanden im Pelourinho, dem historischen Zentrum Salvadors. Dort sind die großen Trommelformationen, die engen Kolonialgassen und die Tanzszenen mit hunderten Beteiligten zu sehen. Die Szenen auf Treppen, Dächern und in schmalen Gassen mit Blick über eine Bucht stammen dagegen aus Santa Marta in Rio.

Wer ist Olodum?

Olodum ist eine 1979 gegründete afrobrasilianische Kultur- und Percussion-Gruppe aus dem Pelourinho in Salvador da Bahia. Sie verbindet Musik mit Bildungs- und Antirassismusarbeit und war international bereits durch die Zusammenarbeit mit Paul Simon (Album „The Rhythm of the Saints“, 1990) bekannt.

Spielte Olodum auch in Santa Marta?

Nein. Olodums Auftritte im Video wurden in Salvador gefilmt. In Santa Marta waren lokale Bewohnerinnen und Bewohner beteiligt. Die Montage im fertigen Video lässt beide Orte wie eine durchgehende Szenerie wirken – das ist filmische Erzählweise, keine Ortsgleichheit.

Warum gab es politische Kritik am Dreh?

Teile der Landes- und Stadtpolitik sowie Tourismusvertreter befürchteten 1996, die Bilder könnten Brasilien international als armes, gewalttätiges Land darstellen und dem Tourismus sowie damaligen Olympia-Ambitionen schaden. Es gab Versuche, den Dreh zu untersagen; Gerichte ließen ihn schließlich zu.

Wie reagierten die Bewohner von Santa Marta auf den Dreh?

Unterschiedlich. Viele erinnern sich an Stolz, Aufregung und daran, dass die Welt zum ersten Mal auf ihre Community schaute. Andere kritisierten damals wie heute, dass ein internationales Team kam, Bilder mitnahm und die strukturellen Probleme blieben. Beide Perspektiven existieren nebeneinander.

Wurden Bewohner für ihre Mitwirkung bezahlt?

Zu Honoraren und Verträgen gibt es keine vollständig belegte, öffentlich zugängliche Dokumentation. Zeitgenössische Berichte erwähnen Zahlungen an Beteiligte und Ausgaben in der Community; wir geben dazu bewusst keine konkreten Summen wieder, weil sie sich nicht seriös verifizieren lassen.

Wo steht die Michael-Jackson-Statue?

Auf dem Aussichtspunkt Laje do Michael Jackson – auch „Espaço Michael Jackson“ genannt – oberhalb der Wohnbebauung von Santa Marta, unweit der oberen Stationen der Standseilbahn. Direkt daneben befindet sich ein farbiges Mosaikpaneel.

Stammt die Statue aus dem Jahr 1996?

Nein. Sie wurde erst viele Jahre nach dem Dreh errichtet, nach übereinstimmenden Berichten im Jahr 2010 – also nach Michael Jacksons Tod 2009. Der Ort war schon vorher ein informeller Treffpunkt für Fans; die Bronzefigur machte ihn zum festen Denkmal.

Kostet der Besuch der Statue Eintritt?

Der Aussichtspunkt selbst ist öffentlich zugänglich und kostet keinen Eintritt. Kosten entstehen für Anreise, geführte Touren, Trinkgelder und Ausgaben vor Ort. Wer die Community besucht, sollte lokal konsumieren – das ist der direkteste Weg, dass etwas vor Ort bleibt.

Wie kommt man nach Santa Marta?

Die Community liegt in Botafogo. Der Zugang erfolgt üblicherweise über die Rua São Clemente; von dort führt eine Standseilbahn (Plano Inclinado) in mehreren Stationen den Hang hinauf. Metro-Station in der Nähe ist Botafogo. Betriebszeiten und Verfügbarkeit der Bahn ändern sich – bitte tagesaktuell prüfen.

Sollte man Santa Marta mit einem lokalen Guide besuchen?

Ja, das empfehlen wir ausdrücklich. Lokale Guides kennen die Wege, die aktuellen Gegebenheiten und die Menschen. Sie sorgen dafür, dass Besuche für beide Seiten angenehm bleiben – und dass ein Teil des Geldes in der Community bleibt.

Darf man in Santa Marta fotografieren?

Landschaft, Aussicht und die Statue in der Regel ja. Menschen, Wohnungen, Innenhöfe und Alltagssituationen nur mit ausdrücklicher Zustimmung. Der Aussichtspunkt ist ein Fotopunkt – die Community ist ein Wohnort, kein Fotomotiv.

Wie sicher ist ein Besuch in Santa Marta?

Die Lage in Rios Communities kann sich kurzfristig ändern, deshalb machen wir hier keine pauschale Aussage. Santa Marta gilt als eine der am besten organisierten und für Besuche zugänglichsten Communities der Zona Sul. Verlässlich ist nur eine tagesaktuelle Einschätzung – über die Unterkunft, lokale Guides oder Ansprechpartner vor Ort.

Wie lange dauert ein Besuch?

Für Standseilbahn, Aussichtspunkt, Statue und einen kurzen Rundgang sollte man ein bis zwei Stunden einplanen. Geführte Touren dauern häufig zwei bis drei Stunden, inklusive Gesprächen, Kunstprojekten und Pausen.

Heißt die Community Santa Marta oder Dona Marta?

Beides ist gebräuchlich. Der offizielle und von vielen Bewohnerinnen und Bewohnern bevorzugte Name ist Santa Marta. „Dona Marta“ bezieht sich streng genommen auf den Hügel Morro Dona Marta und wird umgangssprachlich – auch in Medienberichten von 1996 – oft synonym verwendet.

Was bedeutet der Songtext von „They Don't Care About Us“?

Das Lied ist eine Protestnummer über Machtmissbrauch, Polizeigewalt, Rassismus und das Gefühl, von Institutionen im Stich gelassen zu werden. Zwei Textzeilen wurden 1995 als antisemitisch kritisiert; Michael Jackson wies diese Deutung zurück, entschuldigte sich für die Wirkung und veränderte die Passagen in späteren Pressungen.

Auf welchem Album erschien der Song?

Auf „HIStory: Past, Present and Future, Book I“, veröffentlicht 1995. Als Single erschien „They Don't Care About Us“ 1996.

War der Dreh mit lokalen Machtstrukturen abgestimmt?

Brasilianische Medien berichteten seinerzeit über Absprachen mit lokalen Akteuren, die faktisch den Zugang zur Community kontrollierten. Diese Berichte sind Teil der öffentlichen Debatte und werden bis heute unterschiedlich bewertet. Belastbare Dokumente dazu liegen öffentlich nicht vor; wir geben die Berichte deshalb als Berichte wieder – nicht als gesicherte Tatsache.

Hat der Dreh Santa Marta wirtschaftlich verändert?

Mittelbar. Die internationale Bekanntheit war eine Voraussetzung dafür, dass sich später Community-Tourismus, Guides, kleine Gastronomie und Kunstprojekte etablieren konnten. Der Dreh allein hat weder Infrastruktur noch Einkommensverhältnisse verändert – dazu brauchte es Jahre lokaler Organisation und städtischer Investitionen.

Kam Michael Jackson jemals zurück nach Santa Marta?

Nein. Ein weiterer Besuch in der Community ist nicht dokumentiert. Michael Jackson starb 2009; das Denkmal entstand erst danach.

Gibt es weitere Drehorte in Rio de Janeiro?

Im Video dominieren die Santa-Marta-Aufnahmen. Einzelne Einstellungen zeigen Stadtansichten Rios. Der zentrale Drehort in der Stadt ist und bleibt Santa Marta.

Kann man das Musikvideo vor Ort ansehen?

Nicht als offizielle Installation. Viele Guides zeigen einzelne Szenen auf dem Smartphone und erklären am Originalstandort, welche Einstellung wo entstand – das ist der eindrucksvollste Weg, den Ort mit dem Video zusammenzubringen.

Was sollte man aus dem Besuch mitnehmen?

Dass hinter einem weltberühmten Musikvideo eine Community mit eigener Geschichte steht. Die Statue ist ein Anlass, hinaufzugehen – die eigentliche Geschichte erzählen die Menschen, die dort leben.

Fazit

Michael Jackson hat Santa Marta nicht auf die Landkarte gebracht. Die Community existierte lange vorher, mit eigener Geschichte, eigener Organisation und einem Alltag, der nie von einem Musikvideo abhing. Was der Dreh von 1996 bewirkte, ist etwas anderes, aber nicht weniger: Er machte diesen Ort für Millionen Menschen weltweit sichtbar – und zwar in Bildern, die Bewohnerinnen und Bewohner nicht als Kulisse zeigten, sondern als Menschen mit Blick in die Kamera.

Der Aussichtspunkt hoch über Botafogo erinnert bis heute daran, wie eng Musik, Kultur und ein konkreter Ort miteinander verbunden sein können. Wer hinaufsteigt, sollte beides sehen: die Statue – und die Community, die es schon vorher gab und die es weiterhin gibt, wenn die letzte Reisegruppe wieder abgestiegen ist.

Ein Musikvideo kann sichtbar machen. Verändern können einen Ort nur die Menschen, die dort leben."

Quellen & weiterführende Informationen

Redaktion
  • Autor: Lucas Berger
  • Fachliche Prüfung: Musik- und Kulturjournalismus, lokale Guides aus Santa Marta
  • Veröffentlichung: 02. Juni 2026
  • Letztes Update: 05. August 2026
Quellenkategorien
  • Offizielle Veröffentlichungen zu „HIStory“ und zur Single (Sony Music / Epic Records)
  • Interviews und Aussagen von Spike Lee zu Videoarbeit und Dokumentarfilmen
  • Zeitgenössische brasilianische und internationale Berichterstattung von 1996
  • Materialien und Selbstdarstellung von Grupo Cultural Olodum, Salvador
  • Wissenschaftliche Arbeiten zu Musikvideo, Repräsentation und Stadtforschung in Rio de Janeiro
  • Bewohnervertretung und lokale Kulturprojekte in Santa Marta
  • Städtische Informationen zu Plano Inclinado und Infrastruktur in Botafogo

Wo sich Angaben nur auf zeitgenössische Berichterstattung oder mündliche Überlieferung stützen, ist das im Text kenntlich gemacht. Sachliche Korrekturen und Hinweise aus der Community sind ausdrücklich willkommen: info@insidefavela.com.